Von:
Markus Muth, Bundesjugendseelsorger
Organisation:
Katholische Jugend Österreich
+43 1 512 16 21
Johannesgasse 16/1
1010 Wien
office@kjweb.at
Große Fete, große Freude (?)
Beobachtungen zur Stimmung bei Großveranstaltungen
Wenn das Programm schlecht, das technische Equipment nicht entsprechend, das Essen ungenießbar und das Wetter eine Katastrophe ist, ... dann senkt das die Stimmung. Hierin unterscheiden sich Großveranstaltungen nicht von kleineren. Und doch fällt auf, dass bei großen Jugendtreffen oft eine Art von guter Stimmung herrscht, die auch über so manche Schwierigkeit oder über Mängel bei der Veranstaltung hinweghilft.
Beispiel Weltjugendtag (WJT)
In Sydney 2008 waren 250.000 junge Menschen. Die Stadt war regelrecht belagert: Auf den Hauptstraßen, an Haltestellen und U-Bahn-Stationen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln selber, bei Sehenswürdigkeiten und in Kirchen wimmelte es nur so von Jugendlichen. Man erkannte sie auch leicht: an den knallfarbenen Pilgerrucksäcken und an den zum Teil bewusst witzigen Erkennungszeichen der einzelnen Herkunftsländer (Hüte, Schals oder T-Shirts).
Wenn sich solche Massen bewegen, kommt es unweigerlich z.B. auf Bahnhöfen zu längeren Wartezeiten. Da stellt sich die Frage: „Wie diese Zeit verbringen?" Da bieten sich an: Singen, Tanzen (mit oder ohne „Choreografie") und Großgruppenanimationen. D.h. die wartende Masse steht nicht stumm herum, sondern ist äußerst lebendig. Dass dabei oft der Funke von einer Gruppe auf die andere, von einer Nationalität auf die andere überspringt ist nicht verwunderlich. Man teilt das Warten, also teilt man auch den Zeitvertreib, man fühlt sich ein einem Boot. Interessant ist hier, dass die Fröhlichkeit in den Zwischenräumen des Programms entsteht, Räumen also, die Jugendliche selber kreativ gestalten.
All diese die Begeisterung fördernden Umstände haben eine tiefere Wurzel: Die Jugendlichen an einem WJT haben nicht nur ihre Jugendlichkeit gemeinsam, sondern auch das Glaubensfundament und die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche. Auch wenn der Glaube unterschiedliche Intensitätsgrade und noch unterschiedlichere Ausdrucksformen hat, ist er doch eine verbindende Grundlage. Dazu gehört, dass die Anwesenheit des Papstes für nicht wenige Jugendliche von enormer Bedeutung ist; so ist auch er eine Grund zur Freude.
Noch etwas ist zu bedenken: Wie oft passiert es, dass ein Jugendlicher eine Messe feiert, in der 95% junge Leute sind? Die Realität sieht ja vielerorts anders aus: Messe = Veranstaltung älterer Menschen, was für viele Jugendliche einfach unattraktiv ist. Das ist keine Aussage gegen Ältere, sondern eine über Jugendliche: Sie gehen lieber wo hin, wo sie Jugendliche treffen. Der WJT bietet hier eine Kontrasterfahrung, eine Erfahrung von junger Kirche.
Und danach?
Positive, mit Freude verbundene Erlebnisse und Bilder motivieren viele Jugendliche zu eigenem Engagement, denn das, was sie im Großen erlebt haben, soll auch im Kleinen weiterleben. Auf guten Boden werden solche Impulse dort fallen, wo die Rahmenbedingungen stimmen: Offenheit gegenüber (neuen) Ideen Jugendlicher, Nicht-Verzweckung Jugendlicher für pfarrliche Bedürfnisse, Räume für jugendliche Spiritualität und ihre Förderung und - klassisch - einen Raum, einen Schlüssel, nicht zu frühe Sperrstunde, ein wenig Geld für die Jugendkassa.
Jugendarbeit braucht ein ausgewogenes Verhältnis von größeren und von kleineren Veranstaltungen. Dann befruchten sich die Dinge gegenseitig.
Bundesjugendseelsorger Markus Muth