Derschmidt: Derzeitiges Schulsystem verfestigt bestehende soziale Ungleichheiten - Forderung nach gemeinsamer Schule der sechs- bis 15-Jährigen - Unterstützung der KAÖ durch ehemalige Landes- und Stadtschulräte
Die Katholische Aktion Österreich (KAÖ) fordert eine breite Bildungsreform, die nicht in ideologischen oder parteipolitischen Grabenkämpfen versandet, sondern Bildung als zentrales Zukunftsthema ernst nimmt. Dies betonte die Vorsitzende der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), Luitgard Derschmidt, bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Wien. Zugleich präsentierte die KAÖ bei der Pressekonferenz die Broschüre "Auf dem Weg zur gerechten Schule", in der konkrete Vorschläge zu einer nachhaltigen Bildungsreform entfaltet werden.
Laut Derschmidt sei das derzeitige österreichische Schulsystem "alles andere als gerecht", insofern es Chancenungleichheiten etwa zwischen Kindern aus besser- und Kindern aus schlechter-verdienenden Elternhäusern nicht beseitige, "sondern weiter verfestigt". Es bestehe daher "keine Chancengleichheit für alle Kinder". Aus diesem Grund fordert die KAÖ eine gemeinsame Schule für alle sechs- bis 15-Jährigen, da nur so die Chancengleichheit zu gewährleisten sei. Innere Differenzierungen seien dabei freilich notwendig, so Derschmidt, über deren konkrete Ausgestaltung müsse weiter verhandelt werden.
Weiters fordert die KAÖ eine größere Ernsthaftigkeit in der Bildungsdebatte. Eine mögliche Bildungsreform müsse "jenseits ideologischer Grenzen" und jenseits des "üblichen Parteienhickhacks" geführt werden. Bildung müsse in ihrer ganzen Breite und nicht reduziert auf die Schule betrachtet werden. Daher bedürfe es weiterer gezielter Maßnahmen zur Elternbildung, da die "grundlegende Bildungsmotivation schon im Kleinkindalter gefördert oder behindert wird", so Derschmidt.
"Inklusive Schule" für Bildungsgerechtigkeit
Als Modell für eine gemeinsame Schule der sechs- bis 15-Jährigen schlägt die KAÖ das bereits seit 1994 international diskutierte Modell einer "inklusiven Schule" vor. Diese zeichne sich dadurch aus, dass sie in ihrer Schülerschaft die Bevölkerung repräsentiere. Es können nicht angehen, so Gerald Faschingeder von der "ArGe Bildungsgerechtigkeit" der KAÖ bei der Präsentation der Broschüre, dass sich "einzelne Schulen zu Eliteschulen weiterentwickeln und andere dagegen zu Restschulen werden". Im Sinne der angestrebten Bildungsgerechtigkeit brauche es daher ein neues Schulsystem.
Das derzeit erprobte Modell der "Neuen Mittelschule" enthalte bereits einzelne Teile des Konzepts einer "inklusiven Schule", es befördere jedoch gerade dort nicht die Bildungsgerechtigkeit, wo es als weiteres Modell neben die bestehenden Schultypen gestellt werde, so Faschingeder. Außerdem sei die weitere Finanzierung nach der Erprobungszeit offen und daher eine bundesweite Ausweitung des Modells unwahrscheinlich.
Politische Unterstützung für KAÖ
Unterstützung erfährt die KAÖ in ihren Forderungen gleich durch zwei hochrangige Bildungspolitiker, den ehemaligen oberösterreichischen Landesschulrat Johannes Riedl und den ehemaligen Wiener Stadtschulrat Kurt Scholz. Laut Riedl stellen die in der Broschüre "Auf dem Weg zur gerechten Schule" vorgelegten Vorschläge der KAÖ einen "Türöffner und einen qualitativ hochwertigen Beitrag zur Erneuerung des Bildungsdiskurses und zur Orientierung in der Debatte" dar.
Riedl wies weiters darauf hin, dass eine grundlegende Reform der Schulstrukturen auch mit einer Reform des Unterrichts und der Lehrerausbildung einhergehen müsse. Die Schulautonomie müsse gestärkt und die derzeitige "hohe Regelungsdichte" zurückgefahren werden, so Riedl. Weiters zeige die Bildungsforschung, dass das derzeitige Notensystem nicht mehr alternativlos sei. So gebe es bereits gute Erfahrungen mit sogenannten "Pensenbüchern" oder "Leistungsmappen", in denen der Lernerfolg detaillierter nachvollziehbar sei. Auch schlug Riedl eine Reform des Besoldungssystems für Lehrer vor. Diskutiert werden könne hier etwa eine stärker leistungsorientierte Bezahlung, die auf einem "Benefit-System" für besondere zusätzliche Lehrleistung und Qualifikation aufbaue.
Jüngste Bildungsdebatte war "Staatsoperette"
Der ehemalige Wiener Stadtschulrat Kurt Scholz rief angesichts der jüngsten Bildungsdebatte zu einer neuen Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung auf. Die jüngste Debatte habe den Charakter einer "Staatsoperette" gehabt und nur ein "Zerrbild" einer ernsthaften Bildungsdebatte dargestellt, so Scholz. Es sei nun wichtig, die Debatte gerade an der Frage der Bildungsgerechtigkeit wieder aufzugreifen, da "wir in Österreich noch immer in der Fiktion leben, dass Begabung und Leistungsfähigkeit über Bildungskarrieren entscheiden". In Wahrheit - dies habe insbesondere die PISA-Studie deutlich gemacht - "entscheidet nicht die Begabung, sondern der Storch, die Geburt, über die Bildungschancen", so Scholz.
Der designierte neue Vorsitzende der Katholischen Jugend (KJÖ), Matthias Zauner, sprach sich für eine Fortsetzung der begonnenen Bildungsreform aus. Diese dürfe jedoch nicht über die Köpfe der Schüler hinweg vollzogen werden, sondern sollte unter Einbeziehung von Repräsentanten der Schüler erfolgen. Weiters fordert die KJÖ angesichts der vielfältigen politischen Ansprüche wie etwa einem auf 16 Jahre vorgezogenen Wahlrecht die Einführung des Unterrichtsfachs "Politische Bildung".
Die Broschüre "Auf dem Weg zur gerechten Schule. Fakten & Perspektiven" der KAÖ-Arbeitsgruppe Bildungsgerechtigkeit ist online abrufbar unter www.kaoe.at oder bestellbar bei der Katholischen Aktion Österreich (Spiegelgasse 3, 1010 Wien, Tel.: 01/51552-3360, Mail: office@kaoe.at).
(Quelle: www.katholisch.at)